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„Gespräch mit weichenden Erben ist wichtig“

Unausgesprochene Erwartungen, fehlende Wertschätzung und wenig Vertrauen: Das sind Konfliktpotenziale bei der Hofübergabe, sagt Anne Dirksen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Sie berät Landwirte in sozioökonomischen Fragen.

Wenn der Generationswechsel in einem landwirtschaftlichen Unternehmen ansteht, dann ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder rechtzeitig darüber sprechen. Das klingt banal, ist aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine konfliktfreie Hofübergabe, erklärt Anne Dirksen, Leiterin des Arbeitsbereichs Familie und Betrieb, Sozioökonomische Beratung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Zu den Schwerpunkten ihrer Aufgaben gehört die Begleitung von Hofübergaben. Im Idealfall komme der Eigentümer zur Beratung, bevor es Konflikte gibt.  „Ein Vater möchte zum Beispiel, dass der ganze Prozess der Hofübergabe von einer neutralen Person moderiert wird. Er ist dann der Auftraggeber, aber das heißt für uns nicht, dass er bevorzugt behandelt wird“, stellt Dirksen klar. Beim ersten Gespräch möchte sie, dass alle betroffenen Familienmitglieder zusammenkommen. „Sonst entstehen Voreinstellungen.“ Dann biete sie an, mit allen Familienmitgliedern Einzelgespräche zu führen. Es sei auch schon mal vorgekommen, dass Gespräche abgebrochen werden mussten. „Wenn sich zum Beispiel im Zuge des Prozesses herausstellt, dass die junge Generation die Bedingungen nicht akzeptieren will. Aber das ist dann auch ein Ergebnis“, berichtet Anne Dirksen.

Beim Generationswechsel gingen viele Themen ineinander über. Ist der Betrieb finanzgefährdet? Wie sind die Altenteile abgesichert? Diese Fragen sind für sich genommen bereits ein großes Thema, spätestens bei der Hofübergabe kommen sie zum Vorschein. Eine gute Voraussetzung sei, so Dirksen, eine rechtzeitige Beratung, wenn sich die Familien mindestens anderthalb Jahre vor der Hofübergabe zum ersten Gespräch melden. „Ich empfehle ausdrücklich, auch die weichenden Erben von Anfang an in die Gespräche miteinzubeziehen. Kommunikation ist wichtig. Die weichenden Erben sollten nicht das Gefühl haben, dass sie ausgeklinkt werden.“

„Viele zerbrechen an der Riesen-Last der Tradition, die fortgeführt werden muss.“ Anne Dirksen, Leiterin der sozioökonomischen Beratung, Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Ein weiterer Konfliktpunkt könne die Rückübergabeklausel sein. „Es gibt viele gute Gründe für eine Rückübergabeklausel, aber man sollte sie befristen.“ Denn wenn der Nachfolger vor dem Vater stirbt, geht nach der Rückübergabeklausel der Hof zurück an den Vater und nicht an die Kinder des Verstorbenen. „Die Langfristigkeit und Absicherung der nächsten Generation des Hofübernehmers wird oft nicht bedacht“, sagt Dirksen. Die könnte am Ende leer ausgehen.

Auch das Thema Altenteil müsse angesprochen werden. „Muss ich auch meinen Großvater pflegen? Welchen Altenteil muss ich zahlen?“ Solche Fragen sollten die Nachfolger rechtzeitig klären, sonst könne am Ende ein finanzielles Desaster herauskommen. Gegebenenfalls müssten Hofübergabeverträge auch geändert werden. „Die wirtschaftende Generation muss sich Gedanken um die eigene Altersvorsorge machen. Die private Altersvorsorge ist wichtig.“

Im Beratungsgespräch sei ihr wichtig, keine Ratschläge zu geben. „Ratschläge sind auch Schläge.“ Die Antworten und Lösungswege ergeben sich im Beratungsprozess, sagt sie. Eine häufige Frage, die Dirksen stellt: Wie stellen sich die einzelnen Familienmitglieder den Hof in zehn Jahren vor? Ein Beispiel aus der Praxis: Die Mutter hat vor zehn Jahren ein Hofcafé oder einen Hofladen eröffnet. Die junge Generation meint dagegen, das Betreiben eines Geschäfts sei nicht familienfreundlich. „Das kann ein Konfliktpotenzial sein.“ „Die Älteren wollen, dass ihre Arbeit honoriert wird. Es gibt Streit über die Investitionskasse.“ Unausgesprochene Erwartungen seien immer im Raum, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. „Emotionen spielen fast immer eine Rolle. Oft tauchen alte Rechnungen auf.“ Sätze würden dann fallen wie: „Ich musste damals meinen Geschwistern auch 50.000 DM geben, warum sollst Du jetzt nichts zahlen.“ „Es geht um Wertschätzung und um fehlendes Vertrauen in die nächste Generation.“

Bereitschaft zur Kommunikation ist größer geworden

In den vergangenen Jahren, so Dirksens Erfahrung, sei die Bereitschaft unter den Landwirten, über die nicht-harten Fakten zu reden, größer geworden. „Aber es ist immer noch schwierig.“ Wenn auf Fragen wie „Warum denken Sie, ist Ihr Sohn der geeignete Hofnachfolger?“ Oder: „Was hat Ihr Vater aufgebaut?“ keine Antworten kommen, dann könne sie Anstöße geben, um die Wertschätzung zur Sprache zu bringen. Denn die Tradition oder das Pflichtbewusstsein allein reichen nicht aus, um die Hofübergabe erfolgreich zu meistern.  „Viele zerbrechen an der Riesen-Last der Tradition, die fortgeführt werden muss.“ Das richtige Alter, da ist sich Dirksen mit vielen Branchenkennern einig, gibt es nicht, um einen Hof zu übernehmen. Es gibt Übergeber mit Anfang 50, die zwar die landwirtschaftliche Arbeit, aber nicht länger die Bürokratie und Verwaltung meistern wollen. Eine Anstellung beim Sohn oder eine Beschäftigung innerhalb einer GbR sei in dem Fall eine neue Lösung. Das Loslassen eines mühsam aufgebauten Biobetriebs oder Zuchtbetriebs falle vielen Älteren immer noch schwer.

In der sozio-ökonomischen Beratung, die 74 Euro pro Stunde (ohne Mehrwertsteuer, Stand: Januar 2019) kostet, wird unter anderem auch die Berechnung des Altenteils angeboten. Was ist ein tragbares Altenteil und was braucht der Eigentümer? Dirksen und ihre Kollegen geben auch Stellungnahmen zur finanziellen Einschätzung eines Betriebs ab. Ob der Landwirt die Stellungnahme dann an die Bank weitergebe oder nicht, sei seine Sache. Ferner schult Dirksen Finanzberater, damit diese die „eigenen Mechanismen in der Landwirtschaft“ besser kennenlernen und verstehen können. Auch sie müssen wissen: Die Tradition ist ein Erbe, das rechnerisch nicht zu erfassen ist.