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Hofnachfolgerin: „Gewitter reinigt die Luft“

Der Generationenwechsel kam für die jungen Eheleute Mareike und Olaf Puls früh, und er verlief nicht reibungslos. Heute sind sie mit 28 und 30 Jahren erfolgreiche Gemüseanbauer und glückliche Eltern.

Mit zehn Jahren hatte Mareike Puls ihren eigenen Erdbeer- und Spargelstand. „Damals noch spielerisch, ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen, und ich habe immer gern mitgeholfen“, sagt die 28-Jährige aus Braunschweig-Watenbüttel. 2016 hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Olaf Puls den 600 Jahre alten Betrieb ihrer Eltern – „Papes Gemüsegarten“ – und den Hofladen übernommen und ist nun Unternehmerin sowie Mutter eines einjährigen Sohnes. Die Familie baut auf 45 Hektar Erdbeeren, Gemüse und Kartoffeln an, hat 500 Legehennen und betreibt als Direktvermarkter einen Hofladen. „Jede Hofübergabe ist ein Einzelfall. Jeder Betrieb ist anders. Aber uns ist vieles passiert, was wir auch bei anderen jungen Nachfolgern beobachten“, erzählt Mareike Puls. Seit 2010 sind die beiden ausgebildeten Agrar-Betriebswirte ein Paar. Mareike machte damals in der Nähe von Cuxhaven eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin, Olaf war ihr Nachbar. „Ich bin in einem Ort aufgewachsen, wo es mehr Kühe als Einwohner gibt“, sagt dieser. „Auch wenn meine Familie keine Landwirtschaft betrieben hat, wollte ich schon als Kind Landwirt werden.“

Als sie 2015 heirateten, wussten sie, dass sie einmal Papes Hof übernehmen möchten.  „Dass das aber so schnell kommen würde, haben wir nicht erwartet“, erzählt die junge Frau. Der Grund: Ihre Eltern trennten sich. Der Versuch, den Hof dennoch zusammen erfolgreich weiterzuführen, scheiterte. Emotionen spielen in dieser Branche und in einem Familienbetrieb eine Rolle, weiß Mareike. Anfangs arbeitete zunächst ihr Mann im Betrieb der getrennt lebenden Eltern mit. „Die Übergabe verlief in dieser Zeit holprig, teils chaotisch“, sagt Olaf. Die Mitarbeiter erhielten oft drei unterschiedliche Vorgaben, berichtet er. „Das war für alle Beteiligten nicht gut.“ Der Vater schlug daher vor, den Betrieb frühzeitig an Mareike abzugeben und entschied sich, mit Mitte 50 auszusteigen, um einen Jugendtraum zu verwirklichen: Er baut nun in Schweden Grünspargel an. Der Mutter dagegen fiel es zunächst schwer, vom Betrieb loszulassen. „Es war ihr Elternhaus, ihr Erbe. Das konnte ich zwar verstehen, saß dadurch aber als Tochter und Ehefrau zwischen den Stühlen“, erzählt Mareike. Finanziell habe es auch nicht rosig ausgesehen. Dennoch: „Wir haben gesagt, hier ist Potenzial. Und wir haben viele Ideen. Wir wollten die Chance nutzen, den Betrieb zu übernehmen.“ Allerdings wollte das Paar einen klaren Schnitt: Der Generationswechsel sollte konsequent stattfinden.

Privates Familienglück und wirtschaftlicher Erfolg

Nur der Großvater lebt noch auf dem Hof und Mareike hat sich verpflichtet, für seine Pflege zu sorgen. „Meine Eltern bekommen ihr Altenteil erst, wenn sie 65 Jahre alt sind. Sie müssen sich also nun selbst versorgen. Das haben wir so festgeschrieben. Auch meine beiden jüngeren Geschwister erhalten dann erst ihre Abfindung, wir finanzieren aber jetzt ihr Studium.“ Pape und Puls haben bei einem Notar einen Hofübergabevertrag abgeschlossen. „Das empfehlen wir jedem. Man benötigt einen erfahrenen Berater, der die Dinge sachlich betrachtet“, sagt die 28-Jährige. Am Ende müsse jeder Abstriche machen, wichtig sei aber, dass alles vorzeitig geklärt werde, damit nicht immer wieder alles beredet werden müsse. „Alle Parteien haben bei schwebenden Entscheidungen keine Freude“, bekräftigt ihr Mann. „Wir haben innerhalb von zwei Jahren vieles durchgemacht, was andere in 15 Jahren machen. Aber wir sind jetzt zufrieden, der Generationenkonflikt ist uns erspart geblieben“, sagt die Unternehmerin. „Wir hatten dicke Luft, aber ein Gewitter reinigt die Luft.“ Der Streit sei beigelegt, alle können miteinander reden. „Meine Eltern haben wichtige Weichenstellungen vorgenommen, von denen wir profitieren.“ So habe sich der Umsatz des Hofladens, den die Eltern 2004 gründeten, inzwischen verdoppelt. An Spitzentagen in der Erntezeit trägt das junge Ehepaar die Verantwortung für 100 Mitarbeiter. „Diese Verantwortung empfinden wir nicht als hohe Hürde. Die Aufgaben bereiten uns Spaß“, betont Mareike Puls. Dass die Arbeitstage oft um 5 Uhr morgens beginnen und um 19 Uhr enden, ist den Gemüseanbauern eigentlich keine Rede wert. Sie nehmen das mit Humor: „Halbttagsjob“ wirft Olaf Puls ein. Das private Familienglück und der wirtschaftliche Erfolg motivieren; Familie Puls hat noch viel vor. So ist die Aussiedlung des Betriebs in einen sieben Kilometer entfernten Ort geplant. 2019 soll der Spatenstich erfolgen.

 

Die Investitionen an einem Parallel-Standort – Kauf weiterer landwirtschaftlicher Fläche mit Bau einer Produktionshalle, Kühl- und Lagerhalle sowie Vermarktungsstandort – können Wachstum erzeugen, so Raffael Pultke, Abteilungsleiter für Landwirtschaft der Volksbank Wolfenbüttel.  Die Volksbank eG in Wolfenbüttel hat die Hofübergabe der Familie Pape an Familie Puls begleitet. „Mareike und Olaf Puls haben in die Zukunft investiert, um das Familieneinkommen langfristig zu sichern. Sie haben sich dafür 20 Jahre Arbeit eingekauft und bauen und vertrauen auf ihre Kernkompetenz in der Direktvermarktung.“

Der Hofladen kann noch expandieren, ein Hofcafé mit Spielscheune wäre auch etwas, was sich die junge Familie gut vorstellen kann. „Privat sind wir auf dem Hof richtig gut angekommen, wir bauen gerade um.“ Und dass das Paar innovativ ist, zeigt ihr Instagram-Auftritt. Papes Gemüsegarten bietet im Internet schöne Fotos, wirbt für kleine saisonale Events und zeigt, dass junge Hofnachfolger heute vielseitiger denn je sind.  Pultke ist sich sicher: „Der Fall des Ehepaares Puls ist ein gutes Best-Practice-Beispiel, weil es aufzeigt, es geht nicht immer alles einfach, es gibt nicht den Idealfall. Es geht ums Lebenswerk der Abgeber, dazu kommen die Kinder und deren Partner; das alles muss passen. Das Beispiel der Familien Pape und Puls zeigt, dass es durchaus Klippen gibt, und dass man diese umschiffen kann.“

Grundsätzlich rät Pultke seinen Kunden vor einer Übergabe, sich selbst nach den eigenen Zielen zu fragen und diese zu hinterfragen. Ein Beispiel: „Wenn Kunden zu mir sagen, dass sie einen schuldenfreien Betrieb übergeben wollen, frage ich, was sie von dem Ziel halten, einen zukunftsfähigen Betrieb zu übergeben. Denn was heißt schuldenfrei? Das bedeutet, dass Wachstumspotenziale nicht in vollem Umfang genutzt und kein anteiliges Fremdkapital dafür aufgenommen wurde.“

Bei einer Hofübergabe gehört ein Banker immer mit an den Tisch, ebenso wie ein Steuerberater und ein rechtlicher Berater, meist ein Notar, sagt er.  „Für den Kreditnehmer-Wechsel ist der Hofübergabevertrag hilfreich und erforderlich.  Wir sind nicht die Entscheider, sondern besprechen das Vorhaben im gemeinsamen Interesse mit den Kunden, nämlich dass der Betrieb fortgeführt wird. Und wir beraten nach dem genossenschaftlichen Prinzip: Was einer allein nicht schafft, das schaffen wir gemeinsam.“

Ein Unternehmensberater im landwirtschaftlichen Bereich habe den Business-Plan von Mareike und Olaf Puls mit Stress-Szenarien geprüft und für wirtschaftlich umsetzbar befunden. Ihn habe aber vor allem die klare Haltung und die Motivation des jungen Ehepaares überzeugt.